Kooperation oder wie können wir voneinander lernen?

Enge Kooperation zwischen Lehrkräften innerhalb und außerhalb der Schule ist entscheidend für eine Verbesserung der Schul- und Unterrichtsqualität. Am Freitag, den 14. Mai hospitierten deshalb drei Mathematiklehrer des Marie-Curie-Gymnasiums aus Ludwigsfelde in Brandenburg im Mathematikunterricht an der Herzog-Tassilo-Realschule in Dingolfing im Rahmen des Programms SINUS-Transfer. Der dortige Lehrer Franz Anneser unterrichtet fast ausschließlich nach dem Prinzip des dialogischen Lernens der Schweizer Professoren Peter Gallin und Urs Ruf.

 

Was steckt hinter dem „dialogischen Lernen“?

Gallin und Ruf führen die Lern- und Motivationsdefizite der Schülerinnen und Schüler auf eine eindimensionale Didaktik des Unterrichts zurück, die „alles, was die Kinder sagen und tun, an dem misst, was sie nach Meinung der Lehrer sagen und tun sollten, und die das, was die Kinder wirklich sagen und tun, nur im Sinne der Abweichung vom Erwarteten misst und quittiert.“ (Gallin, 1998a, S. 8) Sie entwickelten daher das dialogische Unterrichtskonzept für die Fächer Deutsch und Mathematik.

Lernen wird als ein lebendiges Hin und Her zwischen dem Lernenden (Ich) und dem Lehrenden (Du) verstanden. Weil es hier stark auf die Produktionen der Schülerinnen und Schüler ankommt, kann der Verlauf einer Unterrichtssequenz nicht vorherbestimmt werden. Der Unterricht verläuft in einer Art Kreislauf, der zugleich das Lernen strukturiert.

Die Lehrkraft fasst den zentralen Gedanken des zu lernenden Fachgebietes zunächst in eine Kernidee. Sie entwickelt daraus offene Aufträge, die den Lernenden eine Annäherung an den Lernstoff ermöglichen. Der Lernende schreibt alle seine Gedanken und Ideen in ein Lerntagebuch. Durch ihre persönliche Rückmeldung greift die Lehrperson die Denkweise des Schülers auf, gewinnt Einblick in ihr Wissen und Denken und entwickelt daraus eine neue Kernidee, und weitere Aufträge. Der Lernende kann nun seine Auffassungen überdenken, gegebenenfalls revidieren und neue produzieren. In diesem Kreislauf entwickelt sich ein WIR als „Kraftzentrum des Unterrichts“ (Ich-Du-Wir-Prinzip), das den gemeinsam erarbeiteten Stoff schließlich zusammenfasst und dokumentiert.

 

Der „neue“ Mathematikunterricht:

Dieses Konzept hat sich Franz Anneser von der Herzog-Tassilo-Realschule in Dingolfing zu Eigen gemacht. Zweimal in der Woche gibt er seinen Schülern Aufträge zu einem bestimmten Themengebiet. Dabei bilden Sätze wie „schreibe auch auf, welche Schwierigkeiten Du überwinden musstest, bis Dir klar war…“ oder „schreibe Deine Beobachtungen auf“ einen zentralen Kern. Der Schüler überlegt, probiert aus, bespricht sich mit dem Nachbarn, zunächst in der Schule, später auch zu Hause und beschreibt seine Gedanken. Jederzeit kann sich der Schüler an den Lehrer wenden, wenn Fragen auftreten oder wenn er eine gute Idee hat. Von seiner neunten Klasse möchte Franz Anneser beispielsweise wissen, warum man eigentlich auf einen Turm steigt, um weiter sehen zu können.

Franz Anneser sieht jeden erledigten Auftrag intensiv durch und bewertet die Gedankengänge des Schülers. Statt Noten gibt es ein bis drei Häkchen, je nachdem, wie intensiv sich der Schüler mit dem Problem auseinandergesetzt hat. Gezielt schaut Franz Anneser nicht auf das Ergebnis, ihm kommt es ausschließlich auf den Lernprozess an.

Seitdem er nach diesem Konzept unterrichtet, mache ihm das Unterrichten auf jeden Fall mehr Spaß, meint Franz Anneser. „Ich bin nicht mehr der Dompteur und kann auf jeden Schüler individuell eingehen“. Er lerne seine Schüler viel besser kennen und wisse bereits nach vier Wochen genau, wo die Stärken jedes Einzelnen lägen. Der Erfolg gibt ihm Recht: In den Abschlussprüfungen schneiden seine Schüler überdurchschnittlich ab.

 

Kooperation - eine Selbstverständlichkeit?!!

Die Gäste aus Brandenburg wollen das dialogische Lernen auch bei ihren Schülerinnen und Schülern verstärkt anwenden. Von der Arbeitsatmosphäre, die in der Klasse herrscht, ist man beeindruckt und diskutiert heftig über die erledigten Arbeitsaufträge der Schüler: „Das würde mich interessieren, wie Sie das sehen“. Auch sonst werden Unterschiede zwischen den Ländern erörtert und Erfahrungen ausgetauscht.

Ines Fröhlich aus Brandenburg fasst den Erfolg des kooperativen Austausches zusammen: „Das Lesen ist das eine, darüber hören das andere und da wirklich mal dabei zu sein, das bringt einfach was, da lernt man was“. Dass das keine absolute Ausnahme bleiben soll, darüber sind sich alle einig.

Kooperation wird als wesentlicher Bestandteil der Lehrerfortbildung und damit der Weiterentwicklung des Schulunterrichts gesehen. Dabei sind gegenseitige Hospitationen noch keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Viele Lehrer sehen darin eine Be- und Verurteilung ihres Unterrichts und blocken daher schon im Vorfeld ab. Dies soll sich ändern. Das Lernen voneinander trägt nicht nur zur eigenen Entwicklung bei, sondern kann auch entscheidend die Berufszufriedenheit verbessern. Der Kollege ist nicht mehr der Beurteiler oder Konkurrent, sondern der Mentor oder Berater, mit dem man Dinge erarbeiten und verbessern kann.

 

 

Literatur:

 

Gallin, P, Ruf, Urs (1998). Sprache und Mathematik in der Schule. Auf eigenen Wegen zur Fachkompetenz. Kallmeyer.

 

Gallin, P, Ruf, Urs (1998a). Dialogisches Lernen in Sprache und Mathematik. Auf eigenen Wegen zur Fachkompetenz. Bd. 2 Spuren legen – Spuren lesen. Kallmeyer.