Diskussion statt Stillarbeit

Ein neuer Mathematikunterricht mit SINUS und Co.?

 

23.01.2007 (bikl) Vor knapp neun Jahren hatten die Ergebnisse der TIMSS-Studie (Third International Mathematical Sciences Study) Bildungsexperten in ganz Deutschland aufgerüttelt. War doch hier dokumentiert worden, dass sich die Mathematikleistungen deutscher Schüler im internationalen Vergleich lediglich im Mittelfeld bewegten. Es musste dringend etwas verändert werden. Im Fokus stand fortan der Unterricht.

 

Denn ein entscheidender Unterschied war den TIMSS-Forschern aufgefallen: Während die deutschen Lehrer Lösungswege erklärten und ihre Schüler an Aufgaben üben ließen, stellten ihre Kollegen aus Ländern, die eine Spitzenposition bei TIMSS erreicht hatten, ein Problem vor, an dem die Schüler dann knobeln durften. Schritt für Schritt mussten sich die Schüler den Lösungsweg selbst erarbeiten, Unterstützung gab es nur, wenn sie gar nicht weiter kamen. Demgegenüber schien es, als habe die deutsche Mathematikdidaktik jahrzehntelang einen entscheidenden Satz des Entwicklungspsychologen Jean Piaget missachtet: „Wer einem Kind die Lösung eines Problems sagt, betrügt es um seine eigenen Erfahrungen.“ Und aus diesen lernt der Mensch nun mal am meisten.

 

Lehrer nicht mehr Hauptredner

1998 startete deshalb die Bund-Länder-Kommission eines der größten unterrichtsbezogenen Entwicklungsprogramme in Deutschland: „SINUS – Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts“. Gemeinsam mit den Lehrern entwarfen Wissenschaftler neue Unterrichtsformen. Nicht mehr Frontalunterricht, endloses Kästchenrechnen und Stillarbeit standen im Mittelpunkt, sondern individuelle Förderung in einem handlungsorientierten Unterricht. Auch sollte der Lehrer nicht mehr Hauptredner im Klassenzimmer sein, die Schüler wurden gefordert, Diskussionen und Interpretationen waren gefragt. So heißen die Module in den SINUS- Projekten etwa „Entdecken, Erforschen, Erklären“, „Aus Fehlern lernen“ oder „Fächergrenzen überschreiten“.

 

„Es wird wieder über Unterricht gesprochen“

Neben den Schülern, das bescheinigten Gutachten dem Projekt, profitierten auch die Lehrer vom veränderten Unterricht: Die beruflichen Erfolge machten sie zufriedener. Was mit einem weiteren wichtigen Baustein von SINUS zu tun hat, der Kooperation zwischen den Lehrkräften – auf schulischer, regionaler und überregionaler Ebene. „In vielen Kollegien fand ja ein Austausch gar nicht mehr statt – natürlich auch wegen der Arbeitsbelastung,“ so Wilfried Meyer-Schlegel, Landeskoordinator in Bremen. „Genau das wird mit diesem Projekt wieder aufgebaut: Die Zusammenarbeit, unter den Kollegen vor Ort - es wird wieder über Unterricht gesprochen.“

In zwei Jahren läuft auch das SINUS-Programmm für die Grundschule aus. Wie und ob es dann weiter gehen wird, ist ungewiss. Schließlich darf sich der Bund nach der Föderalismus-Reform nicht mehr in den Schulen engagieren. Jetzt planen einzelne Bundesländer, SINUS in Kombination mit den Bildungsstandards auszubauen.

 

Neue Studie zur Lehrerausbildung

SINUS war ein wichtiger Schritt zur Verbesserung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts. Dazu kamen die Bildungsstandards, die von der Kultusministerkonferenz als Reaktion auf die Ergebnisse der PISA-Studie eingeführt wurden. Sie beschreiben die Kompetenzen, die Schüler bis zu einem bestimmten Schulabschluss erwerben sollen. Doch guter Mathematikunterricht braucht nicht bloß gute Konzepte, er braucht auch gut ausgebildete und motivierte Lehrer. Wie es darum bestellt ist, wird man in zwei Jahren erfahren. Dann nämlich werden die Ergebnisse der internationalen Vergleichsstudie zur Lehrerausbildung „Learning to Teach Mathematics – Teacher Education Study (TEDS)“ auf dem Tisch liegen. Deutschland nimmt von 2006 bis 2008 als eines von 25 Ländern an dieser Studie teil.

 

Zu selten: Fachwissen plus Didaktik

Die Pilotstudie zu dieser internationalen Untersuchung zeigt bereits, dass die Hochschulen gefordert sind. In drei Bundesländern hatte Sigrid Blömeke, Professorin für Unterrichtsforschung an der Humboldt-Universität Berlin, 1000 Studenten und Referendare getestet. Ein wohl kaum überraschendes Ergebnis: Fachwissen und didaktisches Wissen sind zum Unterrichten gleichermaßen notwendig. Doch in der Lehrerausbildung kommt diese Erkenntnis nicht unbedingt zum Tragen. So legen laut Blömeke einige Bundesländer starkes Gewicht auf eine rein didaktische Ausbildung und vernachlässigen die mathematische Ausbildung, während andere Bundesländer es genau umgekehrt handhaben. Und das bedeutet – etwas überspitzt ausgedrückt: Deutsche Schüler sitzen entweder vor Lehrern, die brillante Mathematiker sind, aber wenig Ahnung vom Unterrichten haben, oder vor guten Pädagogen, die zu wenig Fachwissen mitbringen.

 

Fachlehrer auch an Grundschulen?

Die Ausbildung der Mathematiklehrer muss also ebenso wie die Motivation und Qualifikation der angehenden Lehrer dringend überprüft werden, meint Prof. Dr. Gabriele Kaiser, Mathematikdidaktikerin an der Universität Hamburg und ebenfalls eine der Projektleiterinnen. Sie verspricht sich viel von der internationalen Studie, denn „wir wissen wirklich nichts über diese Klientel – es gibt Vermutungen, mehr nicht.“ Die Vermutungen sind aber nicht bloß aus der Luft gegriffen, sondern stützen sich auf Fakten – zum Beispiel auf die gegenwärtige Praxis der Lehrerausbildung und auf die Realität in den Grundschulen. So müssen Grundschullehrerinnen Mathematik unterrichten, obwohl sie es – aus gutem Grund – nicht als Fach studiert haben. Zum Beispiel, weil sie es selbst in der Schule nicht mochten oder gar Angst davor hatten. Einige wenige Veranstaltungen zum mathematischen Anfangsunterricht während des Studiums sollen diese Defizite dann ausgleichen. „Das reicht hinten und vorne nicht aus, um den angehenden Lehrerinnen die Angst vor der Mathematik zu nehmen und ihnen gleichzeitig auch erfolgreiche Unterrichtskonzepte zu vermitteln“, moniert die Wissenschaftlerin und wartet mit Alternativen auf. So könnte man schon an den Grundschulen das Fachlehrerprinzip einführen, wie asiatische Länder es bereits erfolgreich praktizieren. Oder man müsste in den Hochschulen etwas verändern: „Dass Grundschullehrerinnen zukünftig Religion und Sport studieren, ist vielleicht keine tragfähige Kombination.“ Da sollte eine breitere Ausbildung in den Kernfächern gewährleistet werden. Bis 2008 wird die Qualität der Lehrerausbildung nun international erforscht. „Die Ergebnisse“, so prophezeit Sigrid Blömeke „könnten 2009 in Deutschland für Zündstoff in der Diskussion sorgen.“ Bis diese Ergebnisse dann auch Auswirkungen auf die Lehrerausbildung haben werden, wird aber noch geraume Zeit vergehen. So lange müssen wohl SINUS-Module, Unterrichtsanregungen zu den Bildungsstandards oder Weiterbildungsmaßnahmen wie „Mathematik Anders Machen“ von der Telekom Stiftung für besseren Mathematikunterricht sorgen.

 

Quelle: bildungsklick







Quelle: bikl.de


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 





Quelle: bikl.de


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 





Gabriele Kaiser
Quelle: bikl.de