Mehr MINT bitte!

Nach wie vor zu wenige Lehrer, Fachkräfte und zu viele Studienabbrecher

09.01.2009 Es weckt Farbassoziationen und lässt einen an Pfefferminz denken, das Wort, das bei keiner Bildungsdiskussion mehr fehlen darf: MINT. Die Abkürzung steht für "Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik". Disziplinen, deren Förderung seit nahezu zehn Jahren ganz oben auf der Agenda bei Politik und Wirtschaft steht. Seitdem versucht eine Vielzahl von Initiativen und Projekten – vom Kindergarten bis zur Hochschule – Begeisterung für diese Fächer zu wecken. Trotzdem ist die Situation so dramatisch wie kaum zuvor: In der deutschen Wirtschaft gibt es derzeit rund 150 000 offene Stellen für Ingenieure, Informatiker und Naturwissenschaftler, die nicht besetzt werden können. Die Abbruchquote der Studierenden in diesen Fächern bleibt weiterhin ebenso alarmierend hoch wie der Mangel an ausgebildeten Lehrern.

Industrie fordert durchgehenden Technik- und Informatikunterricht

"Das Bildungssystem ist heute nicht in der Lage, den Bedarf der Hightech-Industrie an hoch qualifizierten Fachkräften zu decken", warnte der Präsident des Hightech-Verbands BITKOM, Prof. August-Wilhelm Scheer, im Oktober. "Durchgehenden Technik- und Informatikunterricht in der Grundschule und der Sekundarstufe I" forderte er deshalb gemeinsam mit dem Präsidenten des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), Prof. Bruno O. Braun. Bislang bieten lediglich Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt das Unterrichtsfach Technik an.

Viele MINT-Förderprojekte

Dabei wurden in den vergangenen Jahren so viele MINT-Förderprojekte wie noch nie gestartet. Und zwar keineswegs erfolglos. So belegen etwa zwei Studien des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften in Kiel, dass bei Schülern durch den Besuch der Schülerlabore das Interesse an Naturwissenschaften steigt und sich ihre Einstellung gegenüber den Fächern ändert. Immerhin 300 000 Jungen und Mädchen pro Jahr forschen in den so genannten Schülerlaboren gemeinsam mit Wissenschaftlern an Hochschulen, Forschungseinrichtungen und in Unternehmen. Und im NaT-Working Programm der Robert-Bosch-Stiftung haben seit dem Jahr 2000 rund 900 Lehrer und 50.000 Schüler zusammen mit 200 Wissenschaftlern eigenständiges Lernen an realen Forschungsobjekten organisiert und daraus Handreichungen für Lehrer erarbeitet.

SINUS-Projekt feierte große Erfolge

Große Erfolge feierte außerdem das 1998 von der damaligen Bund-Länder-Kommission (BLK) als eines der größten unterrichtsbezogenen Entwicklungsprogramme in Deutschland gestartete "SINUS-Projekt" (Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts). Gemeinsam mit Lehrern entwickelten Wissenschaftler dort neue Unterrichtsformen. Nicht mehr Frontalunterricht, Kästchenrechnen und Stillarbeit standen im Mittelpunkt, sondern individuelle Förderung in einem handlungsorientierten Unterricht.

Hoher Studienabbrecheranteil

Bei all den Anstrengungen müssen die Zahlen der jüngsten HIS Untersuchung wie Hohn klingen. Nach wie vor, so ist dort zu lesen, zeichnet sich der Studienabbrecheranteil in der Fächergruppe Mathematik/Naturwissenschaften durch einen anhaltend hohen Wert aus und liegt, wie bei den Studienanfängern von Ende der neunziger Jahre, auch jetzt bei 28 Prozent.

Naive Formelgläubigkeit in Physik

Entmutigend sind auch die Ergebnisse einer Befragung der Hochschule Esslingen. Im Wintersemester 2007/08 wusste nur gut die Hälfte der Erstsemester auf die Frage "Was ist zwei hoch minus drei?" die richtige Antwort (sie lautet 0,125). Noch vor 20 Jahren waren es 70 Prozent. In den Mathematikübungen mit Studienanfängern fielen weitere Defizite auf, so zum Beispiel die totale Abhängigkeit vom Taschenrechner bereits bei einfachsten Rechnungen, eine naive Formelgläubigkeit vor allem in der Physik und ein rezeptartiges Anwenden von Regeln, ohne dabei die Hintergründe zu kennen. Die haben sie möglicherweise gar nicht kennenlernen können, weil bundesweit gerade in diesen Fächern Lehrer Mangelware sind.

Neue MINT-Lehrer braucht das Land

Erst kürzlich hat deswegen der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, rasches Handeln der Bundesländer eingefordert. Sein Vorschlag: Die Referendarsgehälter für angehende Lehrer sollten deutlich angehoben werden, außerdem sollte ein Stipendienfond den Lehramtsbewerbern aus dem MINT-Bereich Zuschüsse zum Referendariat gewähren.
Auch die Deutsche Telekom Stiftung will die Lehrerausbildung fördern. Sie setzt allerdings mit ihrer Initiative auf die Unterstützung der Hochschulen, die Lehrer in den MINT-Fächern ausbilden. Mit insgesamt fünf Millionen Euro will die Stiftung an den Hochschulen inhaltliche und strukturelle Verbesserungen anstoßen und damit deren Profilierung in der MINT-Lehrerbildung stärken. Die Ausschreibung ist Mitte November 2008 gestartet. Viele neue "MINT"-Lehrer braucht also das Land, damit diese Fächer durchgängig und nicht – wie häufig noch – nur epochal angeboten werden. "Die Erfahrungen der Besten zu kopieren, ist keine Schande, sondern eine Notwendigkeit.

Mehr Zeit für Naturwissenschaften

Im Klartext heißt das: mehr Zeit für Naturwissenschaften, kein Abwählen von Mathematik und Naturwissenschaften", kommentierte Professor Dr. Wolfram Koch, Geschäftsführer der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh), jetzt die Ergebnisse des PISA-Ländervergleichs mit Blick auf Sachsen. Dort nämlich beträgt der Anteil der MINT-Fächer am Gesamtunterricht in allen Schularten mehr als 30 Prozent. Sachsen hat zudem seit dem Schuljahr 2008/09 als einziges Bundesland eine verpflichtende Belegung der drei Naturwissenschaften Physik, Chemie und Biologie in der gymnasialen Oberstufe festgeschrieben.

Forschergeist der Kinder fördern

Doch nicht nur die Quantität des Unterrichts ist entscheidend, es geht vor allem auch um die Qualität. Einen wichtigen Beitrag dazu können Bildungsmedien und Lehrmittel für den naturwissenschaftlichen Unterricht leisten. Gerade für diese Fachgebiete haben die Schulbuchverlage in den letzten Jahren komplett neue Lehrwerke entwickelt und sie mit CD-ROMs oder zusätzlichen Internetangeboten multimedial angereichert. Dort tragen virtuelle Experimente, Videos und Bilder zum Verständnis naturwissenschaftlicher Zusammenhänge bei und unterstützen selbstständiges Erarbeiten und Experimentieren. Insbesondere die vielen spannenden Experimente sind es schließlich, die Naturphänomene veranschaulichen und die Schüler in ihren Bann ziehen. Ermöglicht werden sie durch die Zusammenstellungen für Schülerversuche der Lehrmittelhersteller, die bereits vielerorts den Unterricht bereichern.
"Den Forschergeist der Kinder schon früh zu fördern und über ihre gesamte Bildungsbiografie zu erhalten, ist ein Ziel, das sich die Unternehmen der Bildungswirtschaft gesetzt haben. Dafür investieren sie in großem Maße in die Produktentwicklung, die stets Anregungen aus der Praxis und neueste Erkenntnisse der Wissenschaft berücksichtigt", erklärt dazu Reinhard Koslitz, der Geschäftsführer des Didacta – Verbandes der Bildungswirtschaft. Insgesamt also gute Voraussetzungen, die langfristig doch noch dazu führen könnten, dass mehr Schüler und Studenten sich für die MINT-Fächer begeistern und das Thema in weiteren zehn Jahren seine Brisanz verloren hat.

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Der komplette Themendienst 1 zur didacta 2009 (614kB, pdf)  



 





Bildquelle:bildungsklick.de