Die Schulen werden aufgerüttelt

Interview mit Eckhard Klieme über Bildungsstandards

 

31.05.2006 (bikl) Was sollen und was können Bildungsstandards leisten? Darüber diskutierten in der vergangenen Woche während der Reckahner Bildungsgespräche Experten aus Wissenschaft, Politik und Praxis. bildungsklick.de sprach am Rande der Tagung mit Prof. Dr. Eckhard Klieme über die Funktion der Bildungsstandards und ihre Umsetzung in den Schulen. Der Frankfurter Hochschullehrer und Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) hat an der TIMS- und an der PISA-Studie mitgearbeitet und ist beratendes Mitglied der Steuerungsgruppe „Bildungsstandards“ der Kultusministerkonferenz. Eckhard Klieme gehört außerdem zu den Autoren des Nationalen Bildungsberichts, der auf der 314. Plenarsitzung der Kultusministerkonferenz (KMK) am 1./2. Juni 2006 vorgestellt wird.

 

Herr Klieme, heute wurde hier unter anderem die Meinung vertreten, dass viele Lehrer auf die Frage nach Bildungsstandards antworten würden: „Gehört habe ich schon davon und ich glaube, dass es ganz gut ist, aber etwas Genaues weiß ich nicht.“ Sind Bildungsstandards möglicherweise bloß eine Beruhigungspille nach den schlechten PISA-Ergebnissen?

 

Klieme: Ich glaube nicht, dass die Rezeption in den Schulen so schlecht ist. Wir haben zum Beispiel bei DESI festgestellt, dass Schulen, die Probleme mit ihren Schülern im Leistungsbereich hatten, sich schon 2004 mit Bildungsstandards auseinandergesetzt haben. Das heißt – ich weiß nicht ob die das hält – die These wäre: Gerade Schulen, die sich als problematisch erleben, nehmen diesen Punkt durchaus wahr. Vielleicht als Bedrohung, aber sie nehmen sie wahr. Ich glaube nicht, dass Bildungsstandards eine Beruhigungspille sind. Sie werden zu einer Beunruhigungspille werden. In dem Moment wenn die Bildungsstandards nicht nur wie viele Lehrpläne in den Regalen stehen, sondern wo sie umgesetzt werden und wo nach ihnen evaluiert wird. Das wird alle Schulen, die davon betroffen sind aufrütteln. Man muss sich mit den Standards und den Ergebnissen, die man hat, auseinandersetzen und das hat ja noch gar nicht angefangen.

 

Ziel ist doch die Verbesserung der Unterrichtsqualität. Soll das allein durch die Bildungsstandards erreicht werden?

 

Klieme: Nein. Bildungsstandards allein reichen dafür sicher nicht. Die Bildungsstandards selbst können nur Kernideen ausdrücken. Das ist ihre wichtige Funktion. Sie sagen, was ist zentral in den Fächern, was sind die Grundideen, was sind die großen Linien, über die hinweg sich Kompetenzen über die Jahre hinweg bei Schülern aufbauen. Das ist eine Orientierung, die aber konkretisiert werden muss. Und ich finde es sehr gut, dass das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen in Berlin und auch die Länder darin investieren, diese Idee von systematischem, kumulativem Kompetenzerwerb an die Schulen zu bringen. Nämlich über Aufgabenbeispiele, über Unterrichtsmodelle und so weiter. Das zweite, was dazukommen muss, sind die Evaluationsinstrumente. In beides muss investiert werden.

 

Sie sprechen von Aufgabensammlungen und Unterrichtsmodellen – sind das die entscheidenden Werkzeuge für den Unterricht im Hinblick auf die Bildungsstandards?

 

Klieme: Meine Vision von Schulentwicklung ist, dass Lehrer zunehmend im Team arbeiten: Im Fachteam, im Jahrgangsteam. Das heißt, dass auch eine Verständigung und - wenn man will - auch ein Stück Kontrolle darüber stattfindet, wie unterrichtet wird und welches die Ergebnisse wirklich sind. Dazu dienen ja die Standards als gemeinsame Orientierung und als Evaluationsinstrument. Ich glaube, dass wir in Deutschland noch zu wenig gelernt haben, an den Schulen Unterricht und Lernprozesse als gemeinsames Anliegen zu verstehen, gemeinsam zu planen.

 

Aber Sie glauben, dass hier – auch durch die anhaltenden Bildungsdiskussionen – etwas in Gang gekommen ist oder in Gang kommen wird?

 

Klieme: Ich glaube, dass sich da etwas in Bewegung setzt. Man muss systematische Konzepte über Teamarbeit entwickeln und an die Schulen bringen. Darüber redet man in Deutschland seit mindestens 20 Jahren. Es ist viel in Schulleiterfortbildung investiert worden. Schulleiter sind heute wirklich in der Lage, in den allermeisten Fällen mit Teamprozessen umzugehen und Systeme zu sehen. Trotzdem sind sie überwiegend zahnlose Tiger, wenn es darum geht, Problemfälle, die es gibt in Kollegien oder Klassen, wirklich anzugehen. Da steht unter anderem das Beamtenrecht dagegen. Man muss noch mehr überlegen, wie Schule funktionieren kann, welche Entwicklungswege sie nimmt, aber auch welche internen und externen Kontrollmechanismen sie hat.

 

Links

- Homepage des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) >>

- Die Bildungsstandards auf der Homepage der Kultusministerkonferenz (KMK) >>

- Homepage des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) >>

 

Quelle: bildungsklick





Prof. Dr. Eckhard Klieme, Direktor des DIPF und Mitautor des Nationalen Bildungsberichts. - Foto: bikl.de