"Wer Reformen will, muss Lehrer unterstützen!"

Interview mit dem Schulreformer Klippert

Bildung steht in Deutschland ganz oben auf der Agenda. Politiker und Verbände diskutieren, stellen gewohnte Pfade in Frage, neue Horizonte werden sichtbar.

Maren Dors (MD) vom Klett-Themendienst sprach mit dem Schulreformer Dr. Heinz Klippert über Bildungsreformen, Lehrerfortbildung und die Potenziale seines Lernkonzeptes.

 

Mit einer Vielzahl von Reformen bemühen sich die Kultusministerien der Bundesländer um die Verbesserung der Bildungsqualität in Deutschland. Trotz des großen Engagements scheint die Bildungsmisere noch längst nicht behoben, zumal immer mehr Lehrkräfte über unzumutbare Belastungen klagen.

 

MD: Warum sind die Effekte der Bildungsreformen noch nicht deutlicher spürbar?

 

Spätestens seit PISA ist in Deutschlands Bildungswesen in der Tat einiges in Bewegung gekommen. Bildungsstandards, Qualitätsprogramme, Schulinspektionen, zentrale Abschlussprüfungen und immer neue Vergleichstests stehen für diese Reformbewegung. Dabei wird aber an die real existierenden Lehrer in der Regel zuletzt gedacht. Meine Kritik ist: Die Lehrerschaft wird zu sehr unter Druck gesetzt und mit immer neuen Programmen und Konzepten konfrontiert. Überzeugende Hilfen dagegen fehlen. Der fehlende Reformelan in Deutschlands Schulen ist meines Erachtens eine Folge dieser abgehobenen Reformansätze. Druck erzeugt eben weder Innovationsbereitschaft noch Innovationskompetenz. Wer erfolgreiche Bildungsreformen will, muss vor allem eines tun: Innovative Handlungskompetenzen auf Lehrerseite aufbauen helfen. Das aber gelingt nicht durch Appelle, Tests oder Inspektionen, sondern vornehmlich dadurch, dass bewährtes Know-how bereitgestellt und zukunftsweisendes Lehrerhandeln trainiert wird. Auf die Unterstützungssysteme also kommt es an. Dann dürfte es auch schneller vorangehen.

 

MD: Lässt sich mit Ihren Methoden der Reformstau rascher auflösen?

 

Ich denke, ja! Wenn sich der Unterricht in Deutschlands Schulen nachhaltig verändern soll, müssen die schulischen Akteure in die Lage versetzt werden, ihre Lehrund Lernmethoden grundlegend zu verändern bzw. weiterzuentwickeln. Im Klartext: An die Stelle der traditionellen Lehrerzentrierung müssen neue Routinen und Rituale im Bereich moderner Lernmoderation und Lernorganisation treten. Die Basis dafür bilden Lehrertraining, Workshops, Hospitationen, Unterrichtsbesprechungen, Arbeitsteilung, Teamarbeit und praxisnaher Materialservice.

Und genau an diesen Punkten setze ich an. Ich stehe für ein Programm, welches den Lehrkräften nicht nur Neues abverlangt, sondern auch Unterstützung, Beratung und Begleitung anbietet. Dazu gehören sowohl angeleitete Seminare und Workshops als auch praxisbewährte Lernspiralen und Materialien für die Implementierung neuer Lernverfahren.

 

MD: Ihr Lernkonzept wird bereits an mehr als 600 Schulen in Deutschland praktiziert. Gelegentlich wird schon von „Klippert- Schulen“ gesprochen. Halten Sie eine solche Festlegung auf einen bestimmten Lehransatz für sinnvoll?

 

Die Lernforschung hat erwiesen, dass effektives Lernen feste Regeln und Rituale voraussetzt. Das gilt sowohl für die alltäglichen Lernabläufe als auch für die methodischen Verfahrensweisen der Schülerinnen und Schüler. Dieser Erkenntnis folge ich. Gleichwohl lassen die von mir propagierten Trainings- und Lernspiralen genügend Spielraum für variablen Unterricht. Ich setze zwar auf differenzierte Methodenschulung und übersichtlich strukturierte Lernspiralen in den einzelnen Fächern. Aber die methodischen Schritte können und müssen selbstverständlich vielgestaltig sein, wenn die Schüler nachhaltig lernen sollen. Das ist praktische Begabungs- und Kompetenzförderung im besten Sinne des Wortes. Mein Methodenprogramm ist auf jeden Fall ungleich abwechslungsreicher, als es der traditionelle Unterricht vorsieht.

 

MD: Sie selbst haben Wirtschaftswissenschaften und Soziologie studiert. Was gab den Ausschlag, sich für die Reformierung des Schulunterrichts einzusetzen?

 

Meine Affinität zum Thema „Lernen“ wurde bereits während meines Ökonomie-Studiums geweckt. Als wissenschaftliche Hilfskraft hatte ich den Auftrag, über neue Formen der Seminargestaltung an der Hochschule zu „forschen“. Dabei wurde mir deutlich, wie anders das Lehren und Lernen an der Universität hätte ablaufen können und wie spannend das Thema Lernen ist. Nach Abschluss meines Studiums nahm ich meine Lehrertätigkeit an einer Integrierten Gesamtschule bei Hanau auf und versuchte, moderne Lehrmethoden wie Projektarbeit, Planspiele, Rollenspiele etc. in die Tat umzusetzen. Aber viele Schüler waren nicht nur lustlos, sondern auch überfordert. Trotz oder aufgrund dieser frustrierenden Einstiegserfahrungen habe ich begonnen, mich den Themen Lernkompetenz und Unterrichtsentwicklung zuzuwenden. So sind nach und nach meine Methodenhandbücher sowie die entsprechenden Veröffentlichungen zur Reform des Fachunterrichts und zum korrespondierenden Innovationsmanagement der Schulleitungen entstanden. Mein Ziel bei alledem: Die auf Schülerseite schlummernden Potenziale zu mobilisieren.

 

MD: Herr Klippert, Sie kritisieren die „Privatisierung“ der Lehrerfortbildung und plädieren für systematische Team- und Kollegiumsfortbildung – auch während der Unterrichtszeit. Ist das noch zeitgemäß?

 

Wenn wir die Schulen tatsächlich nach vorne bringen wollen, brauchen wir konzertierte Fortbildungsmaßnahmen. Solche Fortbildungen sind weder in der unterrichtsfreien Zeit sicherzustellen, noch vertragen sie sich mit der propagierten „Privatisierung“ der Seminarwahl. Wenn jeder irgendwann seine Fortbildung macht, dann sind der Beliebigkeit und Sprunghaftigkeit der Seminarbesuche Tür und Tor geöffnet. Soll die Lehrerfortbildung nicht nur eine punktuelle Alibifunktion haben, sondern wirksame Unterrichtsentwicklung sichern, muss in die systematische, verbindliche Kollegiumsfortbildung investiert werden. Dazu muss auch mal die eine oder andere Unterrichtsstunde ausfallen dürfen. Wer das „Halten von Unterricht“ über alles andere stellt, der muss sich nicht wundern, wenn unsere Schulen auch in zehn Jahren noch auf der Stelle treten. Anders als in der Privatwirtschaft nämlich haben wir in den Schulen keine überzeugenden Anreizsysteme, die Fortbildungs- und Innovationsprozesse auch während der „Freizeit“ gewährleisten. Das mag mancher bedauern. Aber die Belastungssituation von Lehrerinnen und Lehrern ist schon jetzt so ernst, dass Mehrbelastungen kaum noch akzeptiert werden.

 

Quelle: Klett Themendienst37| Februar 2007

 

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